Eine aktuelle Studie des französischen Website-Marktforschers Miratech ergab, dass iPad-Leser Artikel im Nachhinein nur ungenau wiedergeben können, während die Aufnahmefähigkeit klassischer Zeitungsleser sehr hoch ist. Das auf Blickrichtungs-Tracking spezialisierte Unternehmen kam durch einen Vergleich, wie sich das Medium Apple iPad oder gedruckte Zeitung jeweils auf das Leseverhalten der Rezipienten auswirkt, zu dem Ergebnis, dass iPad eher zu oberflächlichem Überfliegen von Artikeln verführen. Zeitungsartikel würden hingegen intensiver gelesen. Das Erstaunliche: Die Lesedauer für ein und den selben Artikel unterschied sich kaum.
Probanden blickten durch iPad bzw. Zeitung bedingt unterschiedlich auf den selben Artikel
Bei der Studie wurde den Probanden zum einen ein Artikel zum Lesen auf dem iPad vorgelegt und zum anderen der selbe Lesestoff in einer Zeitung. Die Hälfte bekam zuerst die Zeitung, die andere zuerst das iPad. Beim Lesen wurden dann die auf das iPad bzw. auf die Zeitung gerichteten Blicke der Probanden aufgezeichnet und die benötigte Zeit festgehalten. Die Leser stellten übrigens als iPad-Erfahrene eine repräsentative Gruppe dar, weil sie dadurch bereits Lesefunktionen wie Heranzoomen des Textes beherrschten und so die Konzentration auf den Textinhalt nicht beeinträchtigt wurde.
Aufnahmegehalt durch höhere Konzentration bei Zeitungslesern größer
Trotzdem konnten sich nach den beiden Leserunden nur 70 Prozent der iPad-Nutzer genau an den Inhalt des Artikels erinnern, während die Zeitungsleser auf 90 Prozent kamen. Durch die Untersuchung der Blickrichtungen stellte sich heraus, dass Texte in einer Zeitung eher Wort für Wort gelesen werden als sie wie beim iPad nur zu überfliegen. Das spricht für eine deutlich höhere Konzentration durch das Medium Zeitung.
Nun liegt die Idee nahe, dass Werbung und andere Applikation neben dem eigentlichen Artikel auf dem iPad durch das hellere Display prägnanter sind und so den Leser stärker ablenken. Doch das widerlegt die Studie von Miratech: Zeitungsleser schauten sogar ein bisschen häufiger auf die besagten Nebenschauplätze.
Keine Zeitersparnis für iPad-Leser, aber Impuls, mehr lesen zu wollen
Was die Zeit anbelangt, bis die Probanden den Artikel zu Ende gelesen hatten, ergeben sich zwischen iPad und Zeitung keine bemerkenswerten Unterschiede (1:11 Minuten Zeitung, 1:13 Minuten iPad). Dieses Ergebnis schon verwunderlich, denn schließlich müsste ja ein Querlesen des Textes zu einer deutlich geringeren Lesedauer führen.
Dass dies hier nicht so ist, liegt aber sicherlich nicht an dem iPad an sich, sondern eher allgemein an dem heutigen veränderten Leseverhalten infolge zunehmenden Internetkonsums. Von der Gewohnheit durch mehrere Seiten parallel zu surfen, sich von Links ablenken zu lassen und im Surffluss lieber kurze Inhalte aufzunehmen abgeleitet, will der iPad-Leser tendenziell schnell über Artikel fliegen und nur das Wichtigste aufnehmen. So stellte die Studie auch fest, dass iPad-Nutzer durchschnittlich doppelt so viele Artikel einer Zeitschriftenausgabe lesen wie Konsumenten der gedruckten Version. Inhalte auf iPads scheinen also attraktiver zu sein.
Das fehlende Plus an Geschwindigkeit trotz oberflächlicher Leseweise könnte an der höheren Anstrengung für das menschliche Auge durch das grelle Display liegen. Zudem hat der Umbruch von Druckerzeugnis auf Internetzeitung erst vor ein paar Jahren begonnen, sodass die Lesegeschwindigkeit wahrscheinlich nur eine Sache der Gewöhnung ist.
Fazit
Letztendlich spiegelt das überfliegende Leseverhalten bei iPads nur den schnelllebigen Geist der Zeit wieder, der uns dazu verleitet, so viel wie möglich von der Welt mit möglichst geringem Zeitaufwand aufnehmen zu wollen (dazu auch lesenswert unser Artikel “Der Druck der Generation Web 2.0“). Ob dieser Geschwindigkeitsrausch allerdings auch den gewünschten Effekt hat oder nicht eher auf Kosten des menschlichen Leistungsvermögens geht, kann momentan nur ganz individuell entschieden werden.
Miratechs Studie deutet aber zumindest an, dass Zeitungslesen im Printformat dem Konzentrationsvermögen förderlicher ist als das Lesen auf dem iPad. Trotzdem sind Tablets allgemein durch die Weite des mobilen Internets vielfältiger, sodass schneller und öfter zwischen für einen selbst interessanten bzw. weniger interessanten Artikeln gewechselt werden kann. Schließlich können auch den Studienergebnissen zufolge insgesamt mehr Artikel inhaltlich, allerdings weniger detailliert, behalten werden, wenn hierfür ein Tablet in die Hand genommen wird. Übrigens sollten die Studienergebnisse unserer Einschätzung nach auch auf alle anderen top Tablets wie das Motorola Xoom und Galaxy Tab 10.1 übertragbar sein.
via Miratech White papers I und White papers II


